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Grundlagen der traditionellen chinesischen Lebenswissenschaften

Die traditionellen chinesischen Lebenswissenschaften beruhen auf einer nicht geringen Anzahl theoretischer Grundkonzepte, die in allen chinesischen Wissenschaften auftauchen und daher ihr zentraler Bestandteil sind. Einige der Konzepte sind auch im Westen sehr bekannt, andere wiederum weit gehend unbekannt, weil sie auch im Fach sehr speziell sind und ein bestimmtes Maß an Grundwissen voraussetzen, um verstanden zu werden.

 

Um ein bestimmtes Wissensgebiet in China als eine traditionelle chinesische Lebenswissenschaft zu bezeichnen bedarf es folgender Grundvoraussetzungen, um als eine solche anerkannt zu werden:

  • Das Wissensgebiet muss einen eindeutigen chiensischen Namen tragen, der sich auch in der klassischen Literatur wiederfinden lässt, insbesonders in der Qing-zeitlichen kaiserlichen Enyzklopädie Qinding Gujin Tushu Jicheng 欽定古今圖書集成 „Kaiserlich authorisierte Sammlung der Bilder und Schriften aus alter und neuer Zeit.“
  • Das Wissensgebiet muss auf signifikante Klassiker verweisen können.

  • Die zentralen Klassiker des Wissengebietes müssen über die Jahrhunderte von einer Kommentationsliteratur immer wieder neu reflektiert worden sein.
  • Es muss eine zeitgenössische Literatur zum betreffenden Wissengebiet geben.

  • Das Wissensgebiet kommt innerhalb einer traditionell orientierten chinesischen Gesellschaft auch heute noch zur Anwendung.

 

Eine traditionelle chinesische Lebenswissenschaft zeichnet sich im Prinziep dadurch aus, den Menschen des kaiserlichen Chinas Lösungsvorschläge anzubieten, damit sie ihre  Lebensprobleme lösen konnten. Bei körperlichen Krisen kam zum Beispiel die chinesische Medizin zum Einsatz,  bei mentalen, emotionalen Krisen oder dem Wunsch die richtige Entscheidung zu fällen, war es Bazi Suanming und bei sozialen Konflikten und der Anlage und Gestaltung von Innenräumen und Gebäuden oder dem Gestalten von Außenlandschaften war es Feng Shui.

Die traditionellen chinesischen Lebenswissenschaften stehen untereinander in einem engen theoretischen Zusammenhang. Ihre theoretischen Grundlagen sind beinahe immer dieselben, es kann jedoch sein, dass das eine oder andere Grundkonzept in einer chinesischen Wissenschaft besonders differenziert ausgearbeitet wurde, weil es gerade darin besonders wichtig war.

So verfügt die chinesische Chronobiologie- und psychologie Bazi Suanming 八字算命 „Die Lebensberechnung nach den acht Zeichen“ beispielsweise über ausgefeilte Persönlichkeitstheorien und eine Begrifflichkeit für die Beschreibung des menschlichen Wesens, die in anderen chinesischen Wissenschaften nicht zu finden sind.

In der traditionellen chinesischen Raumpsychologie Feng Shui 風水 „Wind und Wasser“ werden wiederum besondere differenzierte Fachausdrücke für die Beschreibung von Umwelt und Umgebung verwendet, die wir in anderen chinesischen Wissenschaften nicht finden.
Auch die traditionelle chinesische Strategietechnik Qimen Dunjia 奇門遁甲 „Die mystischen Tore und das versteckte Schild/Yang-Holz“ greift auf eine eigene Fachterminologie zurück, wenn es darum geht die Atmosphäre in einer Situation und deren wahrscheinlich Entwicklungsmöglichkeiten zu beschreiben.
Alle traditionellen Wissenschaftsrichtungen des chinesischen Kulturkreises referieren über ein theoretisches Zentrumskonzept aufeinander. Sie unterscheiden sich jedoch durch ihre unterschiedliche Perspektive auf dasselbe theoretische Gerüst. Mit anderen Worten verhalten sie sich wie ein eigenes Raster zu derselben Objektfläche, das über dieser Objektfläche verschoben werden kann, so dass sich je nach der Position des Rasters immer neue und unterschiedliche Eindrücke und Erkenntnisse ergeben können.

Die theoretischen Grundkonzepte der chinesischen Wissenschaften heißen:

  1. die Theorie des Qi 氣 (qi), als absoluter Mittelpunkt aller chinesischen Wissenschaften
  2. die Theorie von „Yin und Yang und den 5 Wandlungsphasen“ 陰陽五行 (yinyang wuxing) und die damit verbundenen Zuordnungen

  3. der 60stellige Zyklus der „10 Himmelsstämme und 12 Erdzweige“ 天干地支(tiangan dizhi) als abstraktes und numerisches Grundgerüst für die Beschreibung zeitlicher und klimatischer Aspekte
  4. die „24 Klimaperioden des Qi“ 二十四氣 (ershisi qi)

  5. die „12 Qi-Phasen“ 十二運 (shi´er yun)

  6. das Konzeptrepositorium der „8 Trigramme und 64 Hexagramm des Yijing“ 易經八卦六十四兆 (yijing bagua liushisi zhao) für die Strukturbeschreibung von Veränderungen.

Es gibt aber noch andere weniger bekannte theoretische Grundkonzepte, wie die „Theorie der abgeleiteten Töne“ 納音 (nayin) und die Theorie der Ableitung der Himmelsstäme [aus den Hexagrammen] 納甲 (najia), die aber nur in der übergreifenden Fachdiskussion in chinesischen Werken auftreten und ein theoretisches Adaptionsinstrumente zwischen verschiedenen Techniken darstellen.

Im Laufe der Jahrhunderte verbanden sich die unterschiedlichen theoretischen Grundkonzepte der traditionellen chinesischen Wissenschaften und entwickelten sich zu immer komplizierter werdenden Systemen die auch unterschiedliche Weltanschauungen miteinander verbinden können.

Diese kybernetische Verknüpfung aller traditionellen chinesischen Wissensgebiete ist ein Merkmal chinesischer Wissenschaften an sich und betrifft sowohl die Klassische chinesische Medizin, die daoistischen Techniken des „Leben-Nährens“ 養生 (yangsheng, ehemals auch bekannt als die Techniken des „inneren Elixiers“ 內丹 (neidan) heute auch bekannt unter vielerlei Formen des Qigong 氣功), des Taiji Quan太極拳, und auch die chinesische Raumpsychologie Fengshui 風水 oder die 奇門遁甲 „Die mystischen Tore und das versteckte Schild/Yang-Holz“.

Über diese Brücke der Zentrumstheorie aller traditionellen chinesischen Wissenschaften ist es innerhalb des chinesischen Denkens möglich die unterschiedlichen Fachbereiche miteinander zu verknüpfen, um so ein Aussage zu einer speziellen Fragestellung aus verschiedenen Blickwinkeln zu kommen.

Traditionelle chinesische Lebenswissenschaften bergen in sich einen großen Erfahrungsschatz der chinesischen Kultur für die Bewältigung des Lebens. Auch wenn ihre wissenschaftlichen Parameter und Axiome von der des Abendlandes abweichen, sind sie dennoch Instrumente der Informationsgewinnung und somit Hilfswerkzeuge eines zielgerichteten Handelns, die das Wohl des agierenden Individuums zum Ziele haben.